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VIII. Das Seyn

im Bezug zum Vielen als dem Auftretenden, Hervorgehenden (Werdenden) und dem Abtretenden, dem Vergehenden (her-wesend und ab-wesend in der Anwesenheit selbst: Anaximander, Heraklit, Parmenides). Vom anderen Anfang her kann auch und muß jene unerschütterte und nie befragte Bestimmung des Seins (die Einheit) noch ein Fragwürdiges werden, und dann weist die Einheit zurück in die »Zeit« (die abgründige Zeit des Zeit-Raums). Dann aber zeigt sich auch, daß mit dem Vorrang der Anwesenheit (Gegenwart), worin die Einheit gegründet ist, sich etwas entschieden hat, daß in diesem Selbstverständlichsten die befremdlichste Entscheidung verborgen liegt; daß dieser Entscheidungscharakter gar zur Wesung des Seyns gehört und den Wink gibt auf die jeweilige Einzigkeit und ursprünglichste Geschichtlichkeit des Seyns selbst.

Hieraus können wir, auch schon bei einem ungefähren Wissen von der Geschichte des Seyns, entnehmen, daß das Seyn gerade niemals endgültig und deshalb auch nie nur »vorläufig« sagbar ist, wie es jene Auslegung (die das Seyn zum Allgemeinsten und Leersten macht) vortäuschen möchte.

Daß das Wesen des Seyns nie endgültig sagbar ist, bedeutet keinen Mangel, im Gegenteil: das nichtendgültige Wissen hält den Abgrund und damit das Wesen des Seyns gerade fest. Dieses Festhalten des Abgrundes gehört zum Wesen des Da-seins als der Gründung der Wahrheit des Seyns.

Festhalten des Abgrundes ist zugleich das Einspringen in die Wesung des Seyns dergestalt, daß dieses selbst seine Wesensmacht entfaltet als das Er-eignis, als das Zwischen für die Notschaft des Gottes und die Wächterschaft des Menschen.

Das Er-denken des Seyns, die Nennung seines Wesens, ist nichts anderes als das Wagnis, den Göttern hinaus zu helfen in das Seyn und dem Menschen bereit zu stellen die Wahrheit des Wahren.

Mit dieser »Definition« des Denkens durch das, was es »denkt«, ist die völlige Abkehr von aller »logischen« Auslegung des Denkens vollzogen. Denn dies ist eines der größten

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