§ 18. Die neuzeitliche mathematische Naturwissenschaft und die Entstehung einer Kritik der reinen Vernunft


Wir hörten bereits, daß für die Wesensbestimmung des Dinges außer dem Anfang bei den Griechen — das Heraufkommen der neuzeitlichen Naturwissenschaft entscheidend wurde. Der diesem Ereignis zugrunde liegende Wandel des Daseins veränderte den Charakter des neuzeitlichen Denkens und damit der Metaphysik und bereitete die Notwendigkeit einer Kritik der reinen Vernunft vor. Daher ist es aus mehrfachen Gründen notwendig, daß wir uns vom Charakter der neuzeitlichen Naturwissenschaft eine bestimmtere Vorstellung verschaffen. Dabei müssen wir darauf verzichten, auf besondere Fragen eingehen. Wir können hier nicht einmal die Hauptabschnitte ihrer Geschichte verfolgen. Viele und die meisten Tatsachen dieser Geschichte sind bekannt, und dennoch ist unser Wissen um die innersten treibenden Zusammenhänge dieses Geschehens noch sehr dürftig und dunkel. Nur dieses eine ist ganz deutlich, daß der Wandel der Wissenschaft sich vollzog auf dem Grunde einer Jahrhunderte dauernden Auseinandersetzung über die Grundbegriffe und Grundsätze des Denkens, d. h. über die Grundstellung zu den Dingen und zum Seienden überhaupt. Eine solche Auseinandersetzung konnte nur durchgeführt werden bei einer vollkommenen Beherrschung der Überlieferung der mittelalterlichen Naturlehren sowohl wie der antiken; sie verlangte eine ungewöhnliche Weite und Sicherheit des begrifflichen Denkens und schließlich eine Beherrschung der neuen Erfahrungen und Verfahrensweisen. All das hatte zur Voraussetzung eine einzigartige Leidenschaft des Verlangens nach einem maßgebenden Wissen, die ihresgleichen nur bei den Griechen findet, ein Wissen, das zu allererst und ständig die eignen Voraussetzungen in Frage stellt und so auf den Grund zu bringen sucht. Das Aushalten in der Fragwürdigkeit erscheint als der einzige menschliche Weg, um die Dinge in Ihnι Unerschöpflichkeit, d. h. Unverfälschtheit zu bewahren.


Martin Heidegger (GA 41) Einführung in die Metaphysik. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen