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IV. Der Sprung

132. Seyn und Seiendes


Diese Unterscheidung ist seit »Sein und Zeit« als »ontologische Differenz« gefaßt, und dieses in der Absicht, die Frage nach der Wahrheit des Seyns gegen alle Vermischung sicher zu stellen. Aber sogleich ist diese Unterscheidung auf die Bahn gedrängt, aus der sie herkommt. Denn hier macht sich die Seiendheit geltend als die οὐσία, ἰδέα, und in ihrem Gefolge die Gegenständlichkeit als Bedingung der Möglichkeit des Gegenstandes. Deshalb bedurfte es im Versuch der Überwindung des ersten Ansatzes der Seinsfrage in »Sein und Zeit« und seiner Ausstrahlungen (»Vom Wesen des Grundes« und Kantbuch*) der wechselnden Versuche, der »ontologischen Differenz« Herr zu werden, ihren Ursprung selbst und d. h. ihre echte Einheit zu fassen. Deshalb bedurfte es der Bemühung, von der »Bedingung der Möglichkeit« als eines nur »mathematischen« Rückganges freizukommen und die Wahrheit des Seyns aus dessen eigenem Wesen zu fassen (Ereignis). Daher das Quälende und Zwiespältige dieser Unterscheidung. Denn so notwendig sie ist, aus dem Herkömmlichen gedacht, um überhaupt einen ersten Gesichtskreis für die Seynsfrage zu schaffen, so verhängnisvoll bleibt doch diese Unterscheidung. Denn diese Unterscheidung entspringt ja gerade einem Fragen nach dem Seienden als solchem (nach der Seiendheit). Auf diesem Wege aber ist niemals zur Seynsfrage unmittelbar zu gelangen. Mit anderen Worten, diese Unterscheidung wird gerade zur eigentlichen Schranke, die ein Fragen der Seynsfrage verlegt, sofern versucht wird, unter Voraussetzung des Unterschiedes von diesem weiter nach seiner Einheit zu fragen. Diese Einheit kann immer nur der Widerschein des Unterschiedes bleiben und niemals in den Ursprung führen, von dem aus diese Unterscheidung als nicht mehr ursprüngliche ersehen werden kann.

Deshalb gilt es, nicht das Seiende zu übersteigen (Transzendenz), sondern diesen Unterschied und damit die Transzendenz * Kant und das Problem der Metaphysik (Gesamtausgabe Band 3)

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