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Die Metaphysik des Satzes vom Grunde

die freilich nicht einfach zu sein braucht. Transzendenz liegt vor jeder möglichen Verhaltensweise überhaupt, vor der νόησις, aber auch vor der δρεξις.

Daß das Phänomen der Welt umgebogen bzw. ontisch angesetzt wird als ein vorhandenes Reich von Ideen, zugänglich einer bloßen Anschauung, hat neben anderen einen Hauptgrund darin, daß die Transzendenz von früh an primär im Sinne des θεωρεΐν genommen wurde, und das heißt: Die Transzendenz wurde nicht in ihrer ursprünglichen Verwurzelung im eigentlichen Sein des Daseins aufgesucht. Gleichwohl war dieses als eigentliches Handeln, als πραξις, auch der Antike natürlich nicht unbekannt. Wenn wir nun das Transzendenzproblem im Zusammenhang mit dem Freiheitsproblem stellen, so darf Freiheit nicht im engen Sinne gefaßt werden, so daß sie der πραξις im Unterschied zur θεωρία angehört. Bis hin zur Lehre vom Primat der praktischen Vernunft bei Kant und vor allem im Neukantianismus bleibt das Freiheitsproblem doppeldeutig; im Horizont der Unterteilung der Vermögen: Einbildungskraft, Anschauung, Denken, der Ansetzung eines Entweder-Oder von Rezeptivität und Spontaneität muß man Kants Bemühung, das theoretische Verhalten in Praxis zurückzunehmen, dahin verstehen, daß Kant dem praktischen Verhalten vor dem theoretischen den Vorrang gibt; Kant war aber auf dem Weg dazu, beide ursprünglicher zu begründen, wenn er auch das Problem nie ganz bewußt radikal gestellt hat. Das Problem ist aber: die gemeinsame Wurzel sowohl von Anschauen, θεωρεΐν, als auch von Handeln, πραξις.

Wir sahen: die Idee korreliert einem ίδείν; es liegt im Ansatz der abendländischen Philosophie überhaupt, daß die Anschauung, die bloße Schau der Grundakt ist, in dem gewissermaßen die Transzendenz primär zu Hause ist. Auch wenn später scheinbar das theoretische Verhalten durch das praktische ersetzt wird (Primat der praktischen Vernunft), auch dann bleibt der antike Ansatz leitend. Das eigentliche Transzendenzphänomen läßt sich nicht in einer bestimmten Verhaltung

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