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§ 15. Das grundsätzliche Problem

unbedachte und gar nicht theoretisch erfundene Welt nicht nur zu sehen, sondern Rilke versteht auch das Philosophische des Lebensbegriffes, den Dilthey schon ahnte und den wir mit dem Begriff der Existenz als In-der-Welt-sein faßten.


d) Das Ergebnis der Analyse
im Hinblick auf das leitende Problem der Mannigfaltigkeit
der Seinsweisen und der Einheit des Seinsbegriffs


Wir versuchen abschließend das, was wir im dritten Kapitel vor allem kritisch erörtert haben, zusammenzufassen im Hinblick auf das leitende Problem der Frage nach der Mannigfaltigkeit der Seinsweisen und der Einheit des Seinsbegriffes. Wir haben uns vor Augen geführt, welche grundsätzlichen Probleme sich daraus ergeben, daß seit Descartes und vor allem im deutschen Idealismus die Seinsverfassung der Person, des Ich, des Subjekts, vom Selbstbewußtsein her bestimmt wird. Es genügt nicht, den Begriff des Selbstbewußtseins im formalen Sinne der Reflexion auf das Ich zu fassen, vielmehr ist es notwendig, verschiedene Formen des Selbstverständnisses des Daseins herauszustellen. Das führt zu der Einsicht, daß das Selbstverständnis jeweils sich aus der Seinsart des Daseins bestimmt, aus der Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit der Existenz. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer umgekehrten Fragestellung. Man kann nicht mit Hilfe des Selbstbewußtseins die Seinsverfassung des Daseins bestimmen, sondern muß umgekehrt aus der hinreichend geklärten Struktur der Existenz die verschiedenen Möglichkeiten des Selbstverständnisses klären.

Um den Weg einer solchen Betrachtung zu kennzeichnen, betrachteten wir genauer die Reflexion im Sinne des Sichverstehens aus den Dingen selbst. Diese vorerst rätselhafte Reflexion im Sinne der Widerspiegelung des Selbst aus den Dingen wurde für uns dadurch deutlicher, daß wir fragten:

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