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These der mittelalterlichen Ontologie

vielmehr gerade das Verständnis des Seins dessen eröffnet, was schlechthin schon vorhanden ist. Im Herstellen also stoßen wir gerade auf das Herstellungsunbedürftige. Im herstellendgebrauchenden Umgang mit dem Seienden springt uns die Wirklichkeit dessen entgegen, was vor allem Herstellen und Hergestellten und Herstellbaren vorausliegt bzw. dem herstellenden, bildenden Umbilden Widerstand entgegensetzt. Die Begriffe Materie und Stoff haben ihren Ursprung aus einem Seinsverständnis, das sich am Herstellen orientiert. Anders bliebe die Idee von Material als dem, woraus etwas hergestellt wird, verborgen. Die Begriffe der Materie und des Stoffes, der υλη, d. h. die Gegenbegriffe zu μορφή, dem Gepräge, spielen nicht deshalb in der antiken Philosophie eine fundamentale Rolle, weil die Griechen Materialisten waren, sondern weil Materie ein ontologischer Grundbegriff ist, der notwendig erwächst, wenn das Seiende - sei es Hergestelltes oder Herstellungsunbedürftiges — im Horizont des Seinsverständnisses interpretiert wird, das im herstellenden Verhalten als solchem liegt.

Das herstellende Verhalten ist nicht auf das nur Herstellbare und Hergestellte eingeschränkt, sondern birgt in sich eine merkwürdige Weite der Verständnismöglichkeit des Seins des Seienden, die zugleich der Grund ist für die universale Bedeutung, die den antiken ontologischen Grundbegriffen zukommt.

Aber noch ist ungeklärt, warum die antike Ontologie gerade von hier aus das Seiende interpretiert. Das ist nicht selbstverständlich und kann kein Zufall sein. Aus der Frage, warum gerade das Herstellen der Horizont für die ontologische Interpretation des Seienden ist, erwächst die Notwendigkeit, diesen Horizont auszuarbeiten und seine ontologische Notwendigkeit ausdrücklich zu begründen. Denn daß sich die antike Ontologie faktisch in diesem Horizont bewegt, ist nicht auch schon die ontologische Begründung seines Rechts und seiner Notwendigkeit. Erst wenn die Begründung gegeben wird, erhalten

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